Montag, 11. Februar 2008

LSE

Das LSE liegt mitten im Herzen Londons (London hat ein großes Herz...), in der Nähe der St. Paul Cathedral und der Straße "The Strand". Wenn ihr einen Londonstraßenführer zur Hand habt (da ihr, wenn ihr das lest gerade im Internet seid, dürfte das wohl der Fall sein, dann könnt ihr auf der Karte nach der "Houghton Street" suchen. Dass ist eine winzige abgebrochene Straße, die in Wirklichkeit eine Fussgängerpassage ist, an der das LSE gelegen ist. Das LSE ist eine weltweit bekannte Uni und ich habe gerade gestern erst erfahren, dass es im Times Ranking auf Platz 11. von allen Universitäten der Welt gelandet ist. Das LSE ist vor allem auf Sozialwissenschaften und ist in diesen besonders führend...

<-- Die Bibliothek (links) und das Lakatos-Building (rechts)



Das hervorstechendste Merkmal des LSE ist neben dem sozialwissenschaftlichen Fokus die internationale Studierenden- und Lehrendenschaft. Außerdem bekommt man ein vielfältiges Vortragsangebot geboten, wobei die Vortragenden normalerweise bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten sind.
Die Philosophie hat am LSE einen sehr stark wissenschaftstheoretischen (naturwissenschaftlich und sozialwissenschaftlich), aber auch "policy" orientierten Einschlag. Viele der Dozenten haben einen Background in Wirtschaftswissenschaften und sind erst später in die Philosophie gewechselt. Das merkt man natürlich auch an ihrer Herangehensweise. Es wird viel und gerne formalisiert. Das Klima ist eindeutig analytisch und auch praxisorientiert. Ich fühle mich eigentlich ganz wohl. :-) Das Department wurde von Karl Popper gegründet.

<-- Die Bibliothek ("one of the largest libraries in the world devoted to the economic and social sciences")


Ich hatte ja bereits früher mal angekündigt, genaueres zum Lehrprogramm zu geben und ich denke, dass werde ich an dieser Stelle vornehmen. Jeder Philosophiestudent muss vier Module machen (drei inhaltliche Module und ein Modul, dass mit der Dissertation verbunden ist). Die inhaltlichen Module bestehen jeweils aus einer einstündigen Vorlesung und einem ein-einhalbstündigen Seminar. Die Vorlesung hat man zusammen mit BA-Studenten, im Seminar sind nur Graduierte (auch wenn das aus meiner Perspektive keinen so großen Unterschied macht: viele der GRaduierten haben vorher noch keine Philosophie gemacht und sind daher auf dem gleichen Niveau wie Undergraduates - ein Paradies wie in Bielefeld, wo in Graduiertenseminaren nur Leute sitzen von denen man annehmen kann, dass sie bereits Ahnung haben, wird man hier nicht finden - es ist jetzt nicht so schlimm wie dargestellt, aber es nervt einfach ein bißchen: Ich dachte ich wäre dem mit dem BA entronnen...) oder halt Undergraduates, wenn es ein Undergrad-Seminar ist...




Eingang der Bibliothek -->









Die Graduiertenseminare werden von Leuten gegeben, die bereits einen PhD gemacht haben. Es sind immer die Leute, die auch die entsprechende Vorlesung geben. Die Seminare für die Undergraduates werden von den PhD-Studenten gegeben. Seminar und Vorlesung hängen jeweils so zusammen, dass in der Vorlesung ein Überblick über die Argumentation des zu lesenden Textes gegeben wird, während im Seminar dann die Texte eingänglich diskutiert werden sollen. Die Idee ist also eigentlich, dass der Dozent in der Vorlesung das Argument des Textes rekonstruiert, welches dann im Seminar mit unter zur Hilfenahme weiterer Texte diskutiert werden soll. Allerdings funktioniert das in den Seminaren jetzt auch nicht immer sooo gut, was vor allem an der Tatsache liegt, die bereits oben genannt wurde: Einige Studenten haben einfach nicht den richtigen Zugriff, diskutieren aber trotzdem wild und unklar drauf los. Am besten hat sich m.E. bisher das Philosophy, Moral and Politics SEminar bewährt, weil das Seminar so gestaltet ist, dass alle Studenten vor jeder Sitzung eine Frage zugewiesen bekommen die sie beantworten müssen. Dann wird anhand dieser Fragen das Argument rekonstruiert und kritisiert und man lernt nebenbei seine analytische Herangehensweise verfeinern.


<-- Das Lakatos Building









Wenn ich jemals ein Seminar geben sollte, dann werde ich das glaube ich genauso gestalten, jedenfalls wenn man weiß, dass man es mit BAlern oder unerfahrenen MAlern zutun hat. Klar, von den meisten meiner Freunde aus Bielefeld würde ich sicherlich erwarten, dass sie das ganz alleine hinkriegen und mit solchen Leuten kann man auch andere Seminare machen. Aber ich glaube, dass diese Methode für die meisten unbedarften Studenten genau das richtige ist. Und man weiß hinterher genau, was denn genau das Argument des Textes ist und was man theoretisch dagegen sagen könnte. Wilde Diskussionen und drauflos assozieren machen einfach keine guten Philosophen.


<-- Eingang zum Lakatos Building mit LSE-Schild dran




Für jedes der Seminare sind jede Woche ungefähr (wie schon des öfteren von mir berichtet) 40 Seiten zu lesen. Wobei auf der Readinglist normalerweise immer noch ein Haufen weiterer Empfehlungen zu demselben Thema aufgeführt werden. Die Themen der Seminare sind sehr breit gehalten und dienen vor allem dazu, einen Überblick über ein bestimmtes Feld und dessen Sub-Felder zu erhalten. So gibt es z.B. "Philosophy of Social Sciences" (beinhaltet alle Themenbereich die mit der Philosophie der Sozialwissenschaften zusammenhängen), "Philosophy of Economics" (entsprechendes zur Philosophie der Ökonomie mit Methodologie der Ökonomie im ersten Term und Rational Choice Theory (my favourite) im zweiten Term), "Philosophy, Morality and Politics" (theoretische Behandlung von Moralischen und politischen Fragen, wie man sie aus der Moralphilosophie und der politischen Philosophie kennt) um nur die zu nennen, die ich belegt habe. Am Ende des Jahres weiß man dann, welche Debatten es in dem großen Feld gibt und kennt die gängigen Positionen in den Sub-Feldern und kann sich dann dementsprechend spezialisieren und sein Wissen entsprechend seinen Interessen vertiefen. Finde ich ein gutes System und sollte m.E. auch im BA in Bielefeld eingeführt werden (also Überblicks- und Einführungsveranstaltungen in Philosophische Themen anstatt Veranstaltungen zu Spezialthemen).


<-- Das "Peacock Theatre". Dient dem LSE als größter Hörsaal (quasi das Audimax) und ist gleichzeitig noch ein echtes Theater.


Jedes der drei inhaltlichen Seminare ist von zwei Essays pro Term begleitet, die vor allem dazu dienen, das philosophische Schreiben zu perfektionieren bzw. sich überhaupt erst anzueignen und sich in einige der Themenbereiche etwas mehr zu vertiefen. Die Essays reichen von 1500 bis 2500 Wörtern (1500 Wörter Essays können auch auf 3000 Wörter ausgeweitet werden, weil man für eine PhD-Bewerbung normalerweise mindestens einen Essay von der Länge einreichen muss), etwas aus der Reihe schlägt Richard Bradley der Dozent den wir jetzt in Philosophy of Economics haben: "If you want to write a short paper write 10 to 15 pages. You can also write a longer page with 15 to 20 pages." Short paper mit 10 bis 15 Seiten??? Naja... Im Summer Term werden wir dann in jedem der drei Module jeweils eine drei-stündige Klausur haben, in welcher jeweils drei Fragen in Essayform beantwortet werden müssen. Also: Drei Essays in drei Stunden. Die Vorstellung, einen Essay in einer Stunde schreiben zu müssen bereitet mir schon jetzt Schweißausbrüche, aber ich denke es ist wohl alles eine Sache der Vorbereitung...

Das Old Building -->



Neben den drei inhaltlichen Modulen gibt es dann noch das Dissertationsmodul. Dieses besteht nur aus einem Seminar. In diesem wurden im letzten Semester Überblickstexte gelesen, damit die Leute Inspirationen bzgl. möglicher Disserationsthemen bekommen. Ich glaube zwar nicht, dass das besonders geholfen hat, aber naja... Ich persönlich hätte das Seminar eher so aufgezogen, dass die Leute kurze Essays schreiben, die dann im Seminar und mit dem Dozenten diskutiert werden. Was diesem Studiengang nämlich wirklich fehlt ist ein wirkungsvolles Essaytraining... Naja, in diesem Semester besteht der Inhalt des Dissertationsseminars darin, dass jede Woche zwei Personen ihre Idee für die Disseration präsentieren, wobei sie jederzeit von den anderen Teilnehmern mit Fragen gelöchert werden können. Ist nicht unbedingt das sinnvollste Format, wenn man bedenkt, dass die Leute vermutlich nicht besonders viel Zeit haben jetzt Dissertation vorzubereiten (schließlich ist die reguläre Arbeit in der Woche nicht zu verachten), aber ich glaube es kann wirklich helfen, genau zu sehen, was man noch klar bekommen muss, in welche Richtungen man gehen könnte, etc. Manchmal bekommt man sogar von Teilnehmern Literaturvorschläge.

Die Houghton Street (das ist die "Straße" an welcher der größte Teil des LSE gelegen ist) -->


Da mir jetzt grad nichts mehr einfällt und es schon ziemlich spät ist, werde ich diesen Post an dieser Stelle beenden. Wer noch irgendwas wissen will, kann mir ja eine Email schreiben...










<-- Houghton Street











Haupteingang vom Old Building -->

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