O.k., versuchen wir mal aufzuholen, was so passiert ist, seit ich vor langer Zeit das letzte mal etwas substantielles hier hingeworfen habe...
Das Semester war, soweit ich mich erinnere am 14. Dezember zuende. Wurde auch allerhöchste Zeit... Ich habe das bisher noch nie so scharf wahrgenommen, aber nachdem man 10 Wochen am Stück ununterbrochen am lesen, schreiben und denken ist und nebenbei noch in Seminare rennt und versucht ein soziales Leben aufzubauen, ist man schon irgendwie erschöpft. Tatsächlich ist der Alltag eines Gradstudents auch wirklich anstrengend (auch wenn einige Leute dies während meiner Anwesenheit bezweifelt haben (oder wars nur Jens)... Schande über euer Haupt): Jede Woche hat man für jedes der Seminare zwei Texte a 20 Seiten vorzubereiten, man muss Essays schreiben und ständig an seiner Dissertation arbeiten... Da tut ein bißchen Verschnaufzeit zwischendurch ganz gut. Klar, Abends kann man sich entspannen, aber das ist nicht dasselbe, als wenn man überhaupt nichts im Kopf hat.
Am ersten Feriensamstag, also quasi dem Tag nach Ferienbeginn bin ich dann nach Paris gefahren, was - Eurostar sei dank - auch nur zwei Stunden gedauert hat. In Paris habe ich dann c.a. eine Woche verbracht, die ich hauptsächlich darauf verwendet habe bis 12 Uhr zu schlafen und sonst nicht viel zu tun. Ich hab wohl einen Essay angefangen zu schreiben, aber das wars auch schon. Abends bin ich dann mit Lena rumgezogen. Hauptsächlich habe ich dabei die Universität in welcher sie studiert die ENS besser kennengelernt, sowie einige der Leute die dort rumhängen. Aktivitäten beinhalteten Feuerzangenbowlenabende (coole Sache irgendwie), experimentelle Klassikkonzerte (wo ein Komponist seine Stücke vorgestellt hat und total lange auf Französisch von den theoretischen Feinheiten erzählt hat - wovon ich natürlich kein Wort verstanden habe) und Abende mit Leuten in Wohnheimküchen, bei denen die Leute auf FRanzösisch geredet haben und ich nichts verstanden habe. Um dann später auf Englisch umzusteigen und lustige Gespräche darüber zu führen, wem es am schlechtesten geht. Naja "Abende" ist natürlich übertrieben, weil jeder dieser Abende nur eine Instanziierung während meines Parisauenthaltes hatte. Alles in allem ein guter Weg den Stress der Uni hinter sich zu lassen und den Kopf frei zu bekommen.
Mal noch ein paar Details: Die ENS ist die Eliteschule Frankreichs. Soweit ich es verstanden habe, ist es so, dass nach dem Abitur einige Schüler (wahrscheinlich die besten) noch zwei Jahre dran hängen und sich auf ein ultraschwere Prüfung vorzubereiten. Wenn sie die bestehen, dann kommen sie auf die ENS, wo sie nach einem Jahr sowas wie einen BA haben und dann noch zwei Jahre sowas wie einen Master machen (wenn man nicht besteht kann man übrigens schon mit der Ausbild die man während dieser zwei Jahre genossen hat Lehrer an einer französischen Schule werden...). Da hänge also nur die schlauen Köpfe Frankreichs rum. Die Leute welche die Prüfung bestehen bekommen aber nicht nur eine tolle Ausbildung geboten (soweit man Augen- und Ohrenzeugen glauben kann, lehren an der ENS auch die beste Professoren Frankreichs...), sondern sind auch vom französischen Staat "angestellt" und bekommen freie Unterkunft (viele wohnen direkt auf dem Campus, d.h. mitten in der pariser Innenstadt) und 1000 € "Gehalt" im Monat. Die negative Seite davon ist, dass sie eigentlich nach der Ausbildung für 10 Jahre dem französischen STaat verpflichtet sind. Muss natürlich auch nicht unbedingt schlecht sein, wenn man so die Jobchancen von Althistorikern und Philosophen (die dort ja auch ausgebildet werden) sonst betrachtet. Die Uni selbst hat eine sehr nette Atmosphäre. Ist so die Art von Uni in der man auch aus ästhetischen Gründen gern studieren würde. Vielleicht poste ich mal Fotos, wenn ich welche bekomme.
Tja, am 21. ging es dann mit dem Thalys von Paris nach Köln und für mich dann mit dem grandiosen Regional Express von Köln nach Duisburg, wo mich meine Eltern eingesammelt haben, die meine Großeltern in Duisburg besucht haben. Zuerst war ich wirklich froh wieder in Deutschland zu sein, d.h. schön mal wieder zu wissen, dass alle LEute um einen herum die deutsche Sprache sprechen z.B.. Allerdings findet man, wenn man mit dem RE von Köln über Düsseldorf nach Duisburg fährt auch schnell wieder heraus, wieviele unsympathische Gestalten es eigentlich gibt... Naja, aber die gibt es in England auch zuhauf. Wieder in Bielefeld anzukommen war wirklich ein schönes Gefühl, halt wie es ist, wenn man zuhause ankommt. Am nächsten Tag war dann erstmal volles Programm angesagt: Erst Treffen mit der "Philosophietruppe", danach Treffen mit der "Rollenspieltruppe". Leute, es war wirklich toll euch alle wiederzusehen und mit euch rumzuhängen. Leider war die Zeit viel zu kurz und hatte nicht die Zeit, die ich gerne gehabt hätte um mich mit jedem von euch zu unterhalten. Ich hoffe, dass das anders sein wird, wenn ich das nächstemal in Bielefeld bin. Naja, dass Frühstück war auf jedenfall großartig und es war vor allem cool, mich mit Peter über meine Dissertation unterhalten zu können :-) (es war natürlich cool sich mit jedem zu unterhalten, aber...). Dann fühlt man sich gleich so, als ob man DOCH etwas verstanden hätte. Und der Abend mit Rollenspiel war ebenfalls großartig! Toll war vor allem, dass wir vorher in den Supermarkt gefahren sind um Essen zu kaufen. Ich bin fast durchgedreht, weil ich so viele leckere Sachen gesehen habe und die ganze Zeit dachte "Ach sind ja nur Euro, dass kostet fast nichts" und meinen Einkaufskorb mit Sachen vollgestopft habe... Ich bin in Deutschland auch süchtig nach Clementinen geworden... Ich glaube ich habe an diesem Rollenspielabend 15 bis 20 davon gegessen... Das Abenteuer war übrigens großartig (falls Paul dies irgendwann liest). Mir hat besonders die Stelle gefallen mit dem: "Der Mörder von Candlelight ist der Herr über den Hund" "ICh bin der Mörder von Candlelight!"... Ähmmm, naja.
Weihnachten selbst war dann so wie immer super. Ich weiß nicht warum, aber ich mag das Weihnachtsfest sehr. Es ist so gemütlich und idyllisch und ach ich weiß nicht, ich mag einfach. Morgens gings mit der Familie ins Theater, wo wir als Weihnachtsmärchen Pinochio (ich weiß, dass das falsch geschrieben ist, aber ich hab grad keine Lust es zu googeln...) gesehen haben (ich hätte lieber etwas für "Erwachsene" gesehen, aber man soll sich nicht gegen Traditionen stellen ;-)), dann gings bald danach in die Kirche, was zu Weihnachten ja auch irgendwie dazu gehört (für mich jedenfalls - Es ist Teil meiner Kultur wie die Japaner sagen...). Dann nach Hause und es wurde Raclette gegessen und Geschenkpapier zerfetzt. Alles in allem ein sehr schöner Abend. Am 1. Weihnachtstag war dann Lena bei meiner Familie, was dann mit einem Besuch bei ihrer Familie am 2. Weihnachtstag von mir vergolten wurde. Ich werde jetzt hier mal an Details sparen, aber es war dieses Jahr ein wirklich schönes Weihnachtsfest für meine Person. Insgesamt war der Besuch in Bielefeldbesuch großartig, aber leider viel zu kurz. Nächstesmal werde ich mindestens 2 Wochen kommen (das wird so um die Osterzeit sein). Ich hoffe, dass mich dann noch jemand sehen will...
Nun, am 30 ging es dann ab zurück nach Paris, wo das Sylvester des letzten Jahres zelebriert werden sollte. Wir haben den Abend mit zwei von Lenas Freundinnen verbracht. Es wurde japanisch gekocht [wo ich dann auch erfahren habe, dass Japaner in der Regel zwei Religionen "haben", Buddismus und Shinto, wovon sie in der Regel aber keine glauben, aber praktizieren, mit dem Verweis, dass dies eben zu ihrer Kultur gehöre. Find das eigentlich ganz gut, weshalb ich beschlossen habe, dass es einfach zu meiner Kultur gehört an Weihnachten in die Kirche zu gehen und das das der Grund ist, weswegen ich da bin. Dann muss ich auch nicht mehr denken, dass es irgendwie Shizophren ist, wenn man sonst kein gläubiger Mensch ist. So kann ich jetzt auch einige der anderen abstrusen Praktiken rechtfertigen, denen ich sonst noch so fröne. Äh, genau...] und dann sind wir zum Montmarte gefahren um dort das Feuerwerk zu bestaunen (und natürlich mit all den Anwesenden - total viele Deutsche übrigens... - das neue Jahr zu begrüßen). Lustigerweise gab es entweder kein Feuerwerk oder der Himmel war so zugezogen und neblig, dass man einfach keins sehen konnte... Also kein Feuerwerk am Sylvesterabend. War aber auch so nett. Auf den Straßen von Paris war unheimlich was los, auch wenn sich leider nicht die Leute in Scharen in die Arme gefallen sind, so wie man das eigentlich erwartet hätte :-). Dafür hat aber so ein Typ von seinem Fenster aus die Welt mit seiner E-Gitarre beschallt, was irgendwie auch ganz cool ist. Montmarte ist halt ein abgefahrenes Viertel, in welchem man gerne Leben würde. Die Woche nach Sylvester habe ich dann damit verbracht so zu tun, als würde ich etwas für meine Dissertation tun und in Wirklichkeit zu relaxen (bis 12 Uhr schlafen war da mal wieder Pflicht). Ja, die Ferien waren wirklich ein erholsamen Spektakel, dass muss ich schon sagen. Und ich hatte eigentlich gar keine Lust nach London zurückzukehren und mich wieder dem Stress auszusetzen.
Glücklicherweise stellte sich die Sache nicht als so schrecklich heraus, wie ich befürchtet hatte. Ich bin ganz langsam wieder in den Alltagstrott hineingeglitten und fühle mich in London jetzt mehr eingebettet als vor Beginn der Ferien. Die Leute die ich hier kennengelernt habe sind nett und die Kontakte sind sehr viel besser geworden. Ich habe in der letzten Woche bereits einiges unternommen. Samstag war ich wieder auf der Brick Lane mit Leuten aus der Uni und am Sonntag habe ich mich mit einem Freund auf der Old Street in einer netten kleinen kubanischen Bar getroffen. Ich hoffe, dass ich jetzt vielleicht auch ein bißchen mehr von London sehen werden als nur die Strecke zwischen meinen Wohnheim und der Uni. Leider habe ich noch immer keine Rollenspielgruppe gefunden, was mich wirklich freuen würde... Es gibt zwar die Möglichkeit in "Clubs" zu gehen, um dort zu spielen, aber ich war bisher zu schüchtern/feige um einen Versuch zu wagen. Vielleicht nächste Woche...
Zum Glück weiß ich bereits für meine nächsten zwei Essays worüber ich schreiben will. Sonst finde ich es immer am schwierigsten eine angemessene und interessante Fragestellung zu finden, zu der man auch was substantielles zu sagen hat, so dass ich es eine echte Erleichterung finde, diese Problematik bereits ausgeschaltet zu haben. Ich werde in Philosophy of the Social Sciences über "The nature of actions" schreiben und in "Philosophy of Economics" über "rational beliefs". Ich habe mir auch überlegt, neben diesem Blog noch einen Philosophieblog anzulegen, aber dazu müsste man ein anderes Format zur Verfügung haben. Naja mal sehen. Zum Abschluss dann noch zwei Dinge: Erstens werde ich nächste Woche Ronald Dworkin und T.M. Scanlon sehen! Beide halten hier in London Vorträge! Juchu, ich freue mich sehr...! Zweitens habe ich mich jetzt auf eine Thema für die Diss festgelegt. Ich werde über Theory der Rationalität schreiben, d.h. Metarationalität. Genauer gesagt geht es darum, wie Rationalitätsurteile zu verstehen sind. Hatte zuerst vor eine noncognitivistische Position zu verteidigen, aber dann hat mich der Dozent darauf hingewiesen, dass ich aufpassen solle nicht zu sehr in eine deskriptive Arbeit über Gibbard abzudriften und irgendwie hat das in mir folgendes ausgelöst: Ich dachte mir so "Ach scheiß drauf, dann versuche ich halt Cognitivismus/Realismus zu verteidigen." Und das ist es jetzt, was ich machen will. Ich fange sogar an, die Möglichkeit tatsächlich plausibel zu finden. Als nächstes werde ich dann moralischer Realist...